Forschung / Projekte

Forschungsschwerpunkte

 

Heldenepik
Höfische Epik
Raumdarstellung und Raumdiskurs in der mittelalterlichen Literatur

 

 

Aktuelles Forschungsprojekt

Raumpoetologie um 1200. Raumdarstellung und Raumkonstruktion in Nibelungenlied, Gottfrieds von Straßburg Tristan und Wolframs von Eschenbach Parzival  (Dissertationsprojekt im Druck)

 

Die Raumdarstellung mittelalterlicher Literatur unterscheidet sich in signifikanten Merkmalen wie Kohärenz oder Kontinuität von den Raumdarstellungen neuzeitlicher bzw. moderner Literatur. Allgemein sind die Räume der mittelalterlichen Literatur nicht als vorfindlich und unveränderlich dargestellt, vielmehr erscheint ihre künstliche ‚Gemachtheit’ durch knappe formelhafte Beschreibungen in besonderer Weise herausgestellt. Die Anschaulichkeit steht dabei oft im Hintergrund - im Zentrum steht der Protagonist, der den Raum durch seine Bewegung konstituiert und durch seine Handlungen prägt. So beziehen die jeweiligen Räume ihre konkrete Bedeutung erst aus dem Zusammenspiel von Raum, Held und Handlung. Der fiktionale Raum stellt sich mithin als eine Funktion der Handlung dar, denn er erhält „seinen bestimmten Gehalt und seine eigentümliche Fügung erst von der Sinnordnung, innerhalb derer er sich jeweilig gestaltet“ (Ritter 1975). Dennoch ist der Raum nicht passiv, denn er ist selbst ein Faktor der Sinnzuschreibung, indem er bestimmte Handlungsmöglichkeiten diktiert (Hasebrink/Schiewer/Suerbaum/Volfing 2008). 
Die Räume der mittelhochdeutschen Epik sind in ihrer Darstellung der Handlung zwar weitgehend als ein Sekundäres untergeordnet, stehen jedoch gerade deshalb in einem reflektierenden Verhältnis zur Handlung und zur narratologischen Konzeption. An diesem Punkt setzt die Untersuchung an, wenn sie nach dem Verhältnis von Raumkonstruktion und Textbedeutung fragt. Der Zugriff über den Raum soll dabei in seiner Produktivität und Reichweite überprüft werden.

Die Fragestellung der Untersuchung greift mit der Fokussierung des Raumes einen aktuellen Forschungsdiskurs auf, der, ausgehend von den Kulturwissenschaften, in den letzten Jahren auch in der Literaturwissenschaft verstärkt in den Blick geraten ist. Wenngleich die mediävistische Forschung die Raum-Problematik aus verschiedenen Blickwinkeln in Sammelbänden und Einzelstudien bereits thematisiert hat, steht eine umfassende Analyse der drei großen Texte um 1200, Nibelungenlied, Tristanroman und Parzival noch aus. Die Textauswahl deckt dabei nicht nur ein Forschungsdesiderat ab, sondern ermöglicht zudem einen gattungsübergreifenden Blick auf verschiedene fiktionale Raumentwürfe im selben Entstehungszeitraum, die sich in der Zusammenschau als eine „Raumpoetologie um 1200“ darstellen.