Hugo von Trimberg: Der Renner

Abb. aus: Henrike Lähnemann: Der 'Renner' des Johannes Vorster. Tübingen/Basel 1998, Abb. 2.

Verse von Jugend und Alter: Sound-File

 

Ich binz diu jugent   diu die tugent   und untugent vêhet an!
Mîn gemüete   stêt in blüete,   die wîl ich niht sorgen hân.

Lachen, singen,   tanzen, springen   lêr ich frouwen unde man;
Er ist wîse,   der nâch prîse   sich bî mir behalten kan.

Wil er sehen   und durch spêhen   wie gar ich unstête bin,
Ze stêten dingen   sol er twingen   lîp, sêl, wort, werc unde sin.

Tuot er daz,   so geschiht im baz   denne ob er mir volget nâch:
Swer mîn spil   niht mîden wil,   den matte ich oder tuon im schâch.

 

Ich binz daz alter,  daz von kalter  art sich muoz wermen hie
Got erbarme,  daz mîn arme  sint sô kalt und mîniu knie!

Wîlent sang ich,  wîlent sprang ich  und sach froelich hin und her:
Nu hât tougen  muot und ougen  die zît der jâre gemachet mir swêr.

Vür daz schimpfen  muoz ich rimpfen  ougen unde wangen mîn;
Alsus geklumpfen  und gerumpfen  muoz ich leider lange sîn.

Genuoc mir wirret  daz mich irret,  swenne ich gên sol ûz und în.
Gotes güete  mich behüete  und wende von mir der helle pîn.

 

Die 'Verse von Jugend und Alter' stehen in zahlreichen 'Renner'-Handschriften dem eigentlichen Text. Diese Darstellung der 'Jugent' entstammt der 'Renner'-Bearbeitung des Johannes Vorster, Heidelberg cpg 471, f. 1r, die zwar die Verse nicht enthält, dafür aber das in den Versen beschriebene Verhalten plastisch darstellt.

 

Von dem jungesten tage (V. 24397ff.): Sound-File

 

 Nu merket nâch der heiligen sage,
Wie zwelf schar an dem jungsten tage
Vür den zornigen rihter gênt:
24400  In welhen engsten si dâ stênt,
Swenne er sînen zorn an in richet
Und ze den sündern alsô sprichet:
"Wâ ist iuwer silber und iuwer golt?
Wâ sint nu die, den ir wârt holt?
Wâ sint iuwer friunde und iuwer abgot?
Die heizet iu helfen ûz dirre nôt!
Gêt her, ir sült antwürte geben
Alle besunder üm iuwer leben!
Sehs werc der barmherzikeit
Habt ir selten an mich geleit
Noch an diu minsten mîn gelider,
Des lît iuwer trôst vor mir dernider!"
Sô kumt Kâin mit allen mordern
Und mit allen valschen zehendern,
Dar nâch Jûdas mit allen verrâtern
Und Pilâtus mit allen valschen rihtern,
Nemrot mit allen gewaltigern,
Abymelech mit den, die gern
Sich selben ûf erden habent ertœtet
Und des tôdes sich genœtet,
Lamech mit allen êbrechern
Kumt und mit allen unkiuschern,
Ananias mit allen glîchsenern,
Valschern und gotes gâbe köufelern,
Jûlius mit allen meineidern,
Nabioch mit allen wuocherern,
Dieben, ketzern und roubern,
Phytonissâ mit allen zouberern,
Gezabel mit allen frouwen, die gern
Ir antlütze verwent und ir kleider,
Der man gar vil vindet noch leider,
Athâliâ bringt ze jungeste dar
Mit ir ein jêmerliche schar
Von allen den wîben, diu ir kint
Habent ermordet: seht, diz sint
Die schar, den got nie reht liep wart:
Die werdent geteilt denne in drî part,
Die stênt ze der linken hant,
Ze der rehten die gerehten. Sâ zehant
Kument sîn engel und bringent her
Besem, nagel, krônen und daz sper,
Mit den er gemartert wart.

 

 

 

 Sô sprichet er ze der linken part
Und zeiget in ze den selben stunden
Mit bluote berunnen sîn fünf wunden:
"Diz hân ich durch iuch erliden,
Welhe sünde habt ir durch mich vermiden?
Gêt ir verfluochten alle von mir
In daz êwige fiur, daz ir
Habt verdient mit iuwern sünden,
Daz ich dem tiufel liez enzünden
Êwiclich und sînen genôzen,
Die von himel sint gestôzen!"
Sô schrîet diu êrste part: "â â â!"
Diu ander: "wê wê wê bî dir dâ!"
Diu dritte schrîet: "ô ô ô!"
Sül wir nimmer wesen frô
Vor dînem antlütze, vil süezer got?
Ouwê tiufel und êwiger tôt,
Daz wir iuch immer müezen dulden
Ân allen trôst von unsern schulden!
Ouwê daz wir ie wurden geborn
Und ie verdienten disen zorn!
Milter künic von himelrîch,
Daz wir von dir sô jêmerlîch
Süln immer und immer sîn gescheiden!"
Sô varnt juden unde heiden
Mit den zwelf scharn in die helle,
Dâ Lucifer ist ir geselle,
In bitter marter êwiclich.
Sô sprichet unser herre gar minniclich
Ze den gerehten: "Kumt dan mit mir,
Ir gesegenten mînes vater, und nemt ir
Daz rîche, des fröuden êwikeit
Von der werlde anegenge iu ist bereit!"
Die varent mit im ze himelrîche,
Dâ si sint frœlich êwiclîche.
Dar hilf uns, herre, durch dînen tôt!
Und daz der êwigen marter nôt
Uns müeze vermîden êwiclich,
Dar zuo verlîch uns genêdiclich
Dîner vil süezen minne sâmen!
Sprechet alle mit mir âmen!

Sprecherin: PD Dr. Henrike Lähnemann
Text: Hugo von Trimberg: Der Renner, ed. Gustav Ehrismann, Tübingen 1909.