Dissertations- und Habilitationsprojekte
Christiane Ackermann: Mediale Transfers und Transformationen des Wissens in den 'Türkendramen' der Vormoderne (16.–17. Jh.) (Habilitationsprojekt)
Untersuchungsgegenstand der Arbeit sind die ‚Türkendramen‘ des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie sind Teil eines insgesamt kaum überschaubaren literarischen Feldes, der sog. ‚Turcica‘. Diese textlichen und bildlichen Darstellungen der Osmanen entstanden im europäischen Raum im Zuge der osm. Expansion und der Türkenkriege. Für die Turcica kennzeichnend ist eine Fülle verschiedenster Kommunikationsformen über ‚die Türken‘ als das (östliche) ‚Fremde‘, aber auch über Europa als das (westliche) ‚Eigene‘. Anhand dieser Literatur wird die Relevanz der neuen (multi-)medialen Möglichkeiten der Zeit sehr deutlich. Neu entstehende Textformen, ja die ganze Bandbreite der Literatur, thematisieren den Krieg mit den Osmanen, reflektieren über Glaubensfragen oder lebensweltliche Zusammenhänge. Neue Formen publizistischer Kombinationen von Bild und Text wie im Flugblatt vermitteln populäres Wissen, beispielsweise über das Kriegsverhalten der Türken, ihre Religion, Sitten, Bräuche, Kleidungsstil etc.
Medienkulturwissenschaftlicher Fokus: Wie dieses Wissen über die Türken und im Verhältnis dazu das Wissen über die eigene Kultur im Theater der Vormoderne umgesetzt und gestaltet werden, ist das Thema der Arbeit. Zentral für die Untersuchung sind dabei besonders die Rolle religiösen Wissens, dessen mediale Transfers und Transformationen. Obschon sich die Analyse auf eine bestimmte Gattung, das Drama, konzentriert, muss sie dennoch die beschriebene plurale Medialität der ‚Türkenliteratur’ bedenken; denn diese schreibt sich in das Drama ein. Die „spezifische Medialität des Theaters [impliziert] aufgrund der historischen Appropriation unterschiedlichster audiovisueller ‚Fremdmedien‘, dass das mediale Dispositiv in allen historischen Ausprägungsformen zugleich ein komplexes intermediales Gefüge darstellt, das […] durch punktuelle Koppelungen divergierender Mediensysteme und -praktiken gekennzeichnet ist“ (Kramer/Dünne 2009, S. 17). Eine Untersuchung der Türkendramen muss die dispositiven Strukturen der anderen Medien im Blick behalten. Das mediale Dispositiv Theater greift inszenatorisch (medial) vorgeprägte Ordnungsmuster auf, visualisiert Ordnungsräume und Wissensfelder. Offenbarungswissen wird mit (vermeintlichen) Kenntnissen über die ‚andere‘ Kultur kombiniert und zu religiösem Wissen transformiert. So ermöglicht das Drama gewissermaßen eine mehrdimensionale Erfassung der anderen Kultur und die Positionierung der eigenen Kultur im Verhältnis dazu.
Kategorien: Wie der Transfer und die Transformation religiösen Wissens in den ‚Türkendramen‘ zum Tragen kommt, untersucht die Arbeit insbesondere mit Blick auf die spezifischen Raum-, Körper- und Gender-Inszenierungen. Sie bilden ein in der ‚Türkenliteratur‘ wiederkehrendes Koordinatensystem, an dem sich signifikante Formen der Übertragung, Veränderung und Konservierung religiösen Wissens ablesen lassen.
Ulrich Barton: 'eleos' und 'compassio': Mitleid im antiken und mittelalterlichen Theater (Dissertationsprojekt)
Mitleid ist der zentrale Zuschaueraffekt zweier voneinander unabhängiger, für ihre jeweilige Epoche charakteristischer Theaterformen: der antiken Tragödie und des mittelalterlichen Passionsspiels. Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Theaterformen liegt darin, dass sie Teil des jeweiligen religiösen Kultes sind: Beide stellen die religiösen Grundlagen ihrer Zeit szenisch vor Augen, inszenieren das Verhältnis zwischen Mensch und Gott bzw. Göttern. Eine vergleichende Untersuchung ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede unter dem Aspekt des Mitleids dürfte aufschlussreich sein sowohl für das jeweilige Mitleids- als auch das jeweilige Theater- und Kultverständnis der Antike und des Mittelalters.
Reinhard Berron: Elemente grotesken Erzählens in der europäischen Versnovellistik (Dissertationsprojekt)
Die theoretischen Überlegungen zum (mittelalterlichen) Grotesken werden auf das Textcorpus der mittelhochdeutschen "Mären" angewandt. Die europäische Verbreitung des daraus erschlossenen Konzepts grotesken Erzählens in der mittelalterlichen Versnovellistik soll v.a. anhand der altfranzösischen Fabliaux und Geoffrey Chaucers 'Canterbury Tales', aber auch iberoromanischer und italienischer Texte überprüft werden.
Uta Dehnert: Transformation des Religiösen im Werk von Hans Sachs (Dissertationsprojekt)
Mit Hans Sachs befinden wir uns am Schnittpunkt zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit – einer fließenden Grenze, da Traditionen nicht abrupt aufhören, sondern transportiert werden und schließlich in die Neuzeit einmünden. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Einfluss der Reformation auf Hans Sachs, auf welche Art und Weise religiöse Lehren aufgenommen, in literarische Form gebracht und transformiert wurden. Exemplarisch an Hans Sachs soll gezeigt werden, wie ein Laie des 16.Jh. reformatorische Ideen aufnahm, sie verarbeitete und wie er damit in den Kommunikations- und Popularisierungsprozess der Reformation eingriff. Texte sind Spiegel des Milieus, aus dem sie stammen. Und indem sie aufnehmen, was an Ideen, Gedanken und Konzepten in ihrem Umfeld kreist, werden sie zu Trägern derselben. Auf diese Weise entsteht ein Horizont, in den es sich lohnt einzutauchen und zu fragen: Wie wurden Ideen transportiert? Wie verändern sich Ideen im Prozess der Kommunikation? Und nicht zuletzt: Welches Selbstverständnis derjenigen kommt zum Ausdruck, die Ideen gezielt aufgreifen und weitergeben?
Franziska Hammer (Dissertationsprojekt)
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Maria Juchem: "Und han der minnen buoch gelesen." Intellektuelle im novellistischen Erzählen des Mittelalters und der frühen Neuzeit (Dissertationsprojekt)
„[W]ider Gott, Eher vnd recht“ - Dieses Zitat aus der Schwanksammlung Katzipori von Michael Lindener aus dem 16. Jahrhundert beschreibt das Handeln eines Richters gegenüber der Gesellschaft und allgemeiner auch die ganz eigene Dynamik des Intellektuellen-Leitbildes im novellistischen Erzählen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die mitunter die Komik der Erzählungen begründet. Diese spezifische Komik resultiert vor allem daraus, dass die Zuschreibung von Klugheit/Dummheit nicht unbedingt mit der Einteilung der Figuren in Intellektuelle/Nicht-Intellektuelle konform gehen muss, denn häufig sind es gerade intellektuelle Charaktere, die am Ende nicht als ‘Sieger’ dastehen, obwohl sie über die umfassendere Bildung verfügen. Allerdings sind die Erzählungen auch keinesfalls so angelegt, dass der gebildete Part zwangsläufig der Unterlegene sein muss, worin gerade der besondere Reiz dieser Erzählungen liegt. Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet demnach die Untersuchung der Festschreibung und Tradierung des Leitbildes des Intellektuellen im novellistischen Erzählen des 13. bis 16. Jahrhunderts.
Anne Kirchhoff: Neuedition und Kommentierung der Innsbrucker Spielhandschrift (UB Innsbruck, Cod. 960) (Dissertationsprojekt)
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Claudia Lauer (Habilitationsprojekt)
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Sandra Linden: ‘Anthropologisch-psychologische Reflexionen in der mittelalterlichen Literatur’ (Habilitationsprojekt)
Die Literatur ist in den vergangenen Jahren zu einem der vielschichtigsten Quellenbereiche avanciert, auf den die historische Anthropologie in ihrem Bemühen um eine Archäologie vergangener Verhaltensmuster und Vorstellungsinhalte zugreift. Es ist jedoch nicht leicht zu rekonstruieren, welches allgemeine Menschenbild und welches Verständnis von den psychologischen Abläufen im Menschen hinter mittelalterlichen Darstellungen liegen und wie diese poetisch vermittelt werden. Das Projekt zielt darauf, die diskursive Verschränkung mittelalterlicher Aussagen über den Menschen und sein Inneres vom Zentrum eines literarischen Corpus her aufzuschlüsseln, die Rezeption vorhandener Wissenspositionen sowie ihre produktive Fortschreibung im volkssprachigen literarischen Medium zu identifizieren. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Gattung des höfischen Romans, in der die Kommentarstruktur der Exkurse als bevorzugter Ort für anthropologische Überlegungen erscheint: Chrétiens de Troyes ›Yvain‹, Hartmanns von Aue ›Iwein‹ sowie der ›Tristan‹ Gottfrieds von Straßburg liefern Zeugnisse um die Wende vom 12. zum 13. Jh., der ›Reinfried von Braunschweig‹ und Johanns von Würzburg ›Wilhelm von Österreich geben Auskunft über die folgende Jahrhundertwende.Das Corpus wird durch weitere literarische Gattungen wie vor allem den Sangspruch oder allgemein reflektierende Lieder des Minnesangs ergänzt, um zu analysieren, wie sich die reflektierenden Passagen in einen allgemeinen, gattungsübergreifenden Diskurs über den Mensch einschreiben. Da für jeden der fünf Romanautoren eine lateinische Bildung vorauszusetzen ist, nimmt auch die Rezeption gelehrten Wissens eine wichtige Rolle ein. Die von Autoren wie Wilhelm von St. Thierry oder Hugo von St. Viktor im 12. Jh. begonnene und durch die Rezeption von Aristoteles' ›De anima‹ und ›Physik‹ im 13. Jh. intensivierte Beschäftigung der Wissenschaft mit der Frage Quid est homo? wird für das Verständnis der volkssprachigen literarischen Texte fruchtbar gemacht.Der inhaltliche Zugriff auf die anthropologischen Reflexionen des höfischen Romans wird ergänzt durch einen poetologischen: Es soll eine Poetik der Reflexion formuliert werden, mit der die besondere Ästhetik, die durch das Zusammenspiel von lehrhaft-wissenschaftlichen und poetisch-unterhaltenden Aspekten in den Reflexionen entsteht, erschlossen werden kann.
Rebekka Nöcker: Fastnachtstheater und Ordnungsdiskurs in süddeutschen Reichsstädten
Die Feier der Fastnacht war ein wichtiges Element der mittelalterlichen urbanen Festkultur. Im 14. und 15. Jahrhundert formte sich in den Städten das Fastnachtstheater mit seinen komplexen öffentlichen Spiel- und Schaubräuchen aus (textfrei: Schauläufe und Umzüge, Fastnachtsturniere, szenische Darstellungen, Tanzrituale, Heischgänge, Festmähler, weitere Bräuche und Festpraktiken; textiert: Einzelvorträge, Aufführungen von Fastnachtspielen). Insofern der Fastnacht die verkehrte Welt inhärent ist, setzten die fastnächtlichen Aktivitäten die Verkehrung der geltenden sozialen Ordnung in Szene. Dadurch gerieten nicht nur die ordnungssichernden Normen und Regeln in den Blick, sondern auch die Defizite der sozialen Mechanismen. Die spielerische Ordnungsüberschreitung konnte in reale Entgrenzung umschlagen und bewirken, dass unterschwellige Konflikte zum offenen Ausbruch kamen.
Als stadtgesellschaftliches Handeln standen die theatralen Fastnachtsaktivitäten daher stets unter offizieller Kontrolle: Einerseits förderte die politische Führungsschicht Festrituale, insoweit sie dem städtischen Repräsentationsbedürfnis dienten (besonders bei Großveranstaltungen wie Turnieren, Schauläufen, Schautänzen oder Maskenumzügen). Wo allerdings Normenverstöße und Ordnungsverletzungen die öffentliche Sicherheit, die Belange einzelner Bürger oder der politischen und kirchlichen Institutionen und ihrer Autoritäten betrafen, suchte die städtische und kirchliche Obrigkeit andererseits, das Fastnachtstheater durch eine entsprechende Ordnungsgesetzgebung zu disziplinieren.
Die Einzelstudie zielt darauf, die komplexen Bezüge zwischen theatralen Darbietungen, Zuspitzungen situativer Bedrohung und ordnungssichernden Maßnahmen herauszuarbeiten. Insofern gerade unter dem Deckmantel der Fastnacht soziale Spannungen und Unruhen offenbar wurden, lässt sich das Fastnachtstheater und seine kulturelle Einbindung in Prozesse sozialer Ordnung als Indikator für eben jene sozialen Spannungen begreifen. Im Fokus steht daher insbesondere der Schnittpunkt zwischen den kommunikativen Mechanismen des städtischen Ordnungsdiskurses und jenen Mechanismen symbolisch-sozialer Kommunikation des theatralisch-ritualisierten Fastnachtshandelns.
Gegenstand der Studie ist das Fastnachtstheater in solchen Städten, aus denen keine textierten Fastnachtspiele erhalten sind (wie dies nur für Nürnberg der Fall ist; s. dazu die Einzelstudie von Beatrice von Lüpke), für die aber intensiv betriebene theatrale Fastnachtsaktivitäten belegt sind. Den Ratsprotokollen des Stadtregiments lassen sich Hinweise sowohl auf Formen wie Träger des Fastnachtstheaters, auf das städtische Ordnungsdenken, auch auf akute Konfliktsituationen und Bedrohungszusammenhänge entnehmen. In der Studie sollen daher die erhaltenen Archivalien in Ulm, Regensburg und Straßburg sowie weitere relevante Quellentypen (Chroniken, Predigten, literarische Werke) unter Ordnungs- und Bedrohungsaspekten ausgewertet werden. Die drei Reichsstädte bieten sich für die Analyse ästhetisch-kultureller, sozialhistorischer und ordnungspolitischer Interaktionsprozesse im Rahmen der Fastnacht deshalb an, weil zwar intensive Theatertraditionen bekannt und in Teilen erforscht sind, jedoch in der Fastnachtsforschung bislang nicht systematisch im Blickpunkt standen. Der Blick liegt hier außerdem auf dem Fastnachtstheater als Medium politisch-religiöser Agitation während der Reformationszeit. In ihr nutzte man zunächst die Ausdruckformen der Fastnacht, um reformatorische Ideen durchzusetzen, schaffte den Festtermin dann aber vielfach ab, weil man die Fastnacht als Negativsymbol der alten kirchlichen Ordnung sah. Untersucht wird der Zeitraum von 1450 bis 1550.


