Vorschläge für mögliche Dissertationsvorhaben

Arbeitsbereich A

 

Projekt 1: Die Balance der Medien- und Kommunikationstheorie

 

Die Medien- und Kommunikationsforschung wird fast ausnahmslos durch eine Startoperation getragen: Im Fokus steht Kommunikation im Sinne der Mitteilung von Information. So fügen sich die gesammelten Beobachtungen im Feld der Medien- und Kommunikationsforschung zu einer gleichsam halbierten Theorie der gesellschaftlichen Kommunikation. Eine zentrale Herausforderung der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung besteht daher zunächst einmal darin, etablierte Theorien im Feld der Medien- und Kommunikationsforschung auf ihre impliziten Konzeptionen weitgehend ausgeblendeter Phänomene der Stille, des Schweigens, des Medienverzichts hin zu befragen. Welche impliziten Vorstellungen von Stille und Schweigen liegen Theorien der Medienwirkung zugrunde? Welche impliziten Annahmen machen Theorien der Nachrichtenselektion? Wie lassen sich medientheoretisch maximal fesselnde Medien wie das Kino von Medien unterscheiden, die eine strikte Rollentrennung zwischen Sprechen und Hören aufweichen?

 

Projekt 2: Die Balance des Medienprogramms

 

Noch nie zuvor standen rund und die Uhr so vielen Menschen so viele unterschiedliche Medien zur Verfügung wie heute. Im Zuge der Ausweitung des Medienangebots in den zurückliegenden Jahrzehnten, sind Pausen, Unterbrechungen und Lücken im Programm der Medien zunehmend gestopft worden sind, hat sich der "Flow" als dominantes Prinzip der Programmplanung etabliert. In welcher Form und an welchen Stellen ereignet sich Stille, sind Unterbrechungen und Brüche für Rezipienten in den Medien heute erlebbar und welche Bedeutung besitzt Stille in diesen Zusammenhängen? Um diese Fragen könnte es in diesem empirischen Projekt etwa auf der Grundlage von Inhaltsanalysen gehen. Aber auch medienhistorische Analysen von Programmschemata oder Diskursanalysen von professionellen Diskursen, in denen es um die voranschreitende Füllung von Programmlücken geht, sind im Rahmen dieses Projekts denkbar.

 

Projekt 3: Die Balance des Medienpublikums und der Mediennutzer

 

Da sich Mediatisierung als Prozess der Normierung von Medienhandeln vollzieht und das "im Bilde sein" sowie die kommunikative Verfügbarkeit sozialen Verpflichtungscharakter besitzen, stellt sich die Frage, was unter diesen Bedingungen der bewusste Verzicht auf oder die bewusste Abkehr von den Medien bedeutet. Gibt es Menschen, die bewusst auf Medien verzichten; wenn ja, warum und mit welchen Folgen tun sie dies? Wer kann es sich heute überhaupt leisten, still zu sein, keine Medien zu nutzen, Medien abzuschalten? Wer darf in diesem Sinne still sein, ohne dafür sozial sanktioniert zu werden? Ist still zu sein in einer Gesellschaft, die durch zunehmende Beschleunigung sowie den Zwang zur Selbstdarstellung gekennzeichnet ist, überhaupt noch sozial akzeptabel? Haben Individuen noch die Fähigkeit zur Stille und zur Besinnung, wenn funktionierendes soziales Miteinander schnelles Umschalten, Reagieren und aktives Gestalten erfordert? Wird Stille überhaupt als eine Ressource wahrgenommen oder nur als eine Barriere auf dem Weg der individuellen Zielerreichung? Um solche Fragen könnte es in diesem empirischen Projekt gehen. Methodisch bieten sich qualitative Interviews oder Gruppendiskussionen an. Möglich wären qualitative Interviews mit Menschen, die ostentativ auf bestimmte Medien verzichten, die nach exzessivem Mediengebrauch im klinischen Rahmen das Aushalten von Stille wieder neu erlernen müssen, die in der Familie Mediennutzungspausen miteinander aushandeln, die aufgrund ihres sozioökonomischen Status nur begrenzten Zugang zu Medien haben etc.

 

 

Arbeitsbereich B

 

Projekt 1: Die Balance von Bild-Objekten im Raum

 

Seit einiger Zeit wird im Fachgebiet der materiellen Kultur ("material culture studies") angestrebt, Aspekte des objektorientierten Diskurses mit anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu verbinden. Wie Bildungs- und Forschungsinitiativen zeigen, bietet dieser interdisziplinäre Ansatz neue Erkenntnisse bezüglich der Gewichtung von Objekten und der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat.

 

In der Annahme, dass diese gegenseitige Befruchtung neue Sichtweisen auf materielle Kultur und Auseinandersetzungen mit Objekten auslöst, könnte das Teilprojekt die Beziehung zwischen Fragestellungen der Wahrnehmung, der physischen Ponderation im Raum, mithin der Balance, und die damit verbundenen sozialen und politischen Implikationen analysieren.

 

Projekt 2: Objekte gewichten

 

Der Schwerpunkt liegt hier auf der Frage, wie vermeintlich unterschiedliche Bereiche die Praxis der wissenschaftlichen Analyse einerseits und die des Sammelns, Ausstellens und Erhaltens von Objekten andererseits bestimmen. Das Projekt "Objekte gewichten" fördert das Nachdenken über die Materialität von Objekten und Artefakten im Moment ihres Eintritts in eine Sammlung, eine Ausstellung oder ein Museum und den damit verbundenen Wandel von Raum, Kontext und Diskurs.

 

Projekt 3: Symmetrische Komposition im urbanen Raum

 

Die im Forschungsprojekt 3 gestellte Frage bezieht sich auf die Wahrnehmung im Raum – hier von urbanen Raumtypen. Diese sollte grundlegend die kulturgeschichtliche Bedeutung des räumlichen "Gleichgewichtsprinzips" der städtebaulichen Achse untersuchen. Dabei könnte eine historisch vergleichende Analyse von der Prämisse ausgehen, wonach der öffentliche Raum der Stadt eine große visuelle Macht auf den Menschen ausübt und daher als Erinnerungsbild des sozialen Gedächtnisses wirksam wird. Unter allen urbanen Raumformen ist es insbesondere die Achse als gebautes symmetrisches Ordnungsschema der räumlichen Balance, das starke Suggestionskraft auf den Menschen ausübt. Deshalb wurde die Zentralperspektive seit der Entdeckung ihrer exakten Konstruierbarkeit im 15. Jahrhundert und schließlich seit ihrem Heraustreten aus dem zweidimensionalen Bild in den Raum der Stadt im 16. Jahrhundert bis heute an den zentralen Orten der Gesellschaft zum Einsatz gebracht.

 

 

Arbeitsbereich C

 

Projekt 1: Studien zur historischen Semantik von Balance

 

Eine Aufarbeitung der historischen Semantik von Balance liegt bislang nicht vor; Kapitel daraus könnten hier geschrieben werden. Die präzisere Bestimmung von Balance als Daseinsmetapher kann als Desiderat der Forschung gelten, sowohl mit Blick auf die Zeit um 1800 wie mit Blick auf die Zeit danach: Die gesamte ästhetische Theorie der "Artistik" zwischen Zirkus und poésie pure etwa stellt de facto einen Beitrag zur Theorie der Balance vor, wie auch die Philosophie das Thema weiter intensiv verfolgt. Als Emblem kann hier die überdeterminierte Seiltänzer-Szene gelten, die den Zarathustra Friedrich Nietzsches eröffnet.

 

Projekt 2: Theorie der Grazie

 

Der von Winckelmann in die ästhetische Theorie eingeführte Begriff der Grazie markiert exakt den Punkt, an dem theologische, moralische und medizinische Diskurse sich schneiden, so dass Winckelmann selbst enthusiastisch versucht war, vom vollendet schönen Körper auf moralische Überlegenheit zu schließen und damit die Interpretation des mens sana in corpore sano – ein klassisches Statement zur Balance-Theorie – in ein neues, verführerisches Extrem zu treiben. Zwar liegen einzelne Studien zur Grazie vor, doch sind die bisherigen Lexikoneinträge, Monographien und populärwissenschaftlichen Bücher ergänzungsbedürftig geblieben.

 

Projekt 3: Theorien des Klassischen zwischen Regelpoetik und Körpertheorie

 

Wie die von Lessing über Hirt bis Goethe, Schopenhauer und weit darüber hinaus geführte Laokoon-Debatte beispielhaft zeigt, informieren sich der medizinische und der ästhetische Diskurs wechselseitig. In dem Projekt könnte es daher etwa um den medizinisch und auch sportlich informierten Körper der Klassik gehen, aber auch darum, dass Hinweise auf eine gelungene Balance vielfach, mehr oder minder bewusst, klassizistisches Erbe lancieren. Das Klassische, Sinnvolle, Geglückte, die poetische Selbstreflexion und das ethisch Vorbildliche treten hier im Zeichen der Balance zur Einheit zusammen. Die Erforschung der diskursiven Integrationsleistung von Balance-Konzepten als listig verschwiegener Transporteure klassizistischer Ideale könnte Gegenstand eines weiteren Promotionsvorhabens sein.