Wintersemester 2017/18

VL: Moderne

Die Vorlesung bietet einen einführenden Überblick über Literatur- und Kulturgeschichte der klassischen Moderne. Ein Schwerpunkt wird auf der Entwicklung und Bedeutung der modernen europäischen Großstadt liegen: Die modernen Metropolen Paris, Wien und Berlin werden nicht nur zu den Zentren des literarischen Lebens, vielmehr sind sie auch die Orte, an denen die wissenschaftlichen, medientechnischen und sozialen Veränderungen stattfinden. Sie bilden in mehrfacher Hinsicht den „Kontext“ der literarischen Jahrhundertwende. Ein weiterer Schwerpunkt der Darstellung liegt auf den Entwicklungen in den Naturwissenschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie haben entscheidend zur Entstehung eines neuen Weltbildes, eines neuen Menschenbildes und damit auch zur Entstehung einer modernen Ästhetik und Kunst beigetragen. Es wird dann vor allem die Literatur der „Wiener  Moderne“ (z. B. Hugo Hofmannsthal, Ein Brief, die Essays von Herrmann Bahr, Arthur Schnitzlers Dramen und Prosawerke und Robert Musils Novellen) vorgestellt und analysiert. Weiter werden repräsentative Texte von Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Alfred Döblin und Franz Kafka erarbeitet. Neben den eher literaturgeschichtlichen Aspekten werden auch philosophische und kulturgeschichtliche Entwicklungen berücksichtigt (dazu Texte von u. a. Ernst Mach, Sigmund Freud, Georg Simmel, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer).

 

HS: Motive deuten, Spuren lesen: Verbrechen und Literatur

Kriminalgeschichten sind Geschichten einer – mehr oder weniger erfolgreichen – Suche, die nach bestimmten Regeln abzulaufen hat. Sie berichten von einer Art von „Semiose“, von Zeichendeutung, Spurenlesen und Interpretation: Detektive und Wissenschaftler scheinen sich in manchem zu ähneln. Der Historiker Carlo Ginzburg hat es das »Indizienparadigma« genannt, das sich auf allen Wissensgebieten manifestiert: In der Kunstgeschichte werden damit seit Ende des 19. Jahrhunderts Bilder identifiziert, in der Paläontologie werden so kulturelle Wechselbeziehungen aufgedeckt, in der Kriminologie kommt die Fingerabdruckkartei auf (um 1880 werden die ersten Indizienprozesse mit Fingerabdrücken geführt) und Sherlock Holmes, die berühmte Romanfigur von Conan Doyle, wird zum Helden des Spurenlesens. Eine ›Kunst‹ des Spurenlesens ist auch die Psychoanalyse, die ganz auf der indizierenden Kraft von Symptomen beruht.

 »Es handelt sich hier um Formen eines tendenziell stummen Wissens – und zwar deswegen, weil sich seine Regeln nicht dazu eignen, ausgesprochen oder gar formalisiert zu werden. Niemand erlernt den Beruf des Kenners oder Diagnostikers, wenn er sich darauf beschränkt, schon vorformulierte Regeln in der Praxis anzuwenden. Bei diesem Wissenstyp spielen unwägbare Elemente, spielen Imponderabilien eine Rolle: Spürsinn, Augenmaß und Intuition.« (Carlo Ginzburg)

Kriminalliteratur ist erfolgreich. Sie erreicht alle Leserschichten und hat in Filmen und Verfilmungen eine ungeheure Konjunktur entwickelt. Einen kleinen Ausschnitt aus dieser Geschichte soll im Seminar beleuchtet, interpretiert und analysiert werden. 

Wir lesen u. a. Friedrich Schillers „Verbrecher aus Verlorener Ehre“; Georg Büchners „Woyzeck“; Siegfried Kracauers „Der Detektiv-Roman. Ein philosophischer Traktat“; Thomas Manns „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

 

OS: Mimesis: Geschichte und Theorie eines schwierigen Konzepts

»Es scheinen aber für die Entstehung von Dichtung als Kunst überhaupt zwei Ursachen verantwortlich zu sein, die beide in der Natur [des Menschen] begründet sind. Denn das Nachahmen ist ein Teil des dem Menschen von seiner Natur her eigentümlichen Verhaltens, und zwar von Kindheit an – ja gerade dadurch unterscheidet sich der Mensch von den anderen Lebewesen, dass er die größte Fähigkeit zur Nachahmung hat; auch die ersten Lernschritte macht er durch Nachahmen –, und auch, dass alle Freude an Nachahmungen empfinden [gehört zur Natur des Menschen]« (Aristoteles Poetik: Kap. 4,6).

Mimesis ist ein Begriff oder besser: ein Konzept, das seit seinem Auftauchen in der Antike sehr Verschiedenes meinen kann und der in verschiedenen Disziplinen daher auch unterschiedlich verwendet und bewertet wird: Man unterscheidet oft in literarische und soziale Mimesis oder auch in „Nachahmung”, „Darstellung”, „Repräsentation” oder Ausdruck. Mimesis gilt einmal als besondere Form der Fiktion – im Bereich der Kunst –, anderseits aber auch umfassend als conditio humana – im Bereich der Anthropologie.

Aristoteles’ anthropologische Konzeption der Mimesis befreit sie vom Anspruch der inhaltlichen Didaxe und betont ganz allgemein ihre Funktion als Wissensvermittlung, als Form des Lernens, im Bereich von Erinnerung und Kommunikation. Aber nicht jeder anthropologische Ansatz sieht in der Mimesis eine Form der lernenden Nachahmung. Gerade die sehr einflussreiche aufklärerische Pädagogik etwa schließt sich diesem Standpunkt nicht an. Jean-Jacques Rousseau formuliert seine Kritik folgendermaßen: »Ich weiß, daß alle Tugenden, die nur nachgeahmt werden, Affentugenden sind, denn eine gute Handlung ist nur dann sittlich gut, wenn man die als eine solche tut, nicht aber, weil andere sie tun.” (Jean Jacques Rousseau 1963: 94f.). Zwischen diesen Polen einer radikalen Kritik und fundamentalen Bedeutsamkeit bewegt sich die Debatte um Wert und Funktion von Mimesis von der Antike bis in gegenwärtige Diskussionen, die nun vermehrt auch die neuen Medien betreffen.

Im Seminar werden repräsentative Texte aus verschiedenen Jahrhunderten – von der Antike bis zur Gegenwart – gelesen und diskutiert. An einzelnen literarischen Beispielen sollen die jeweiligen Argumente überprüft werden.

 

 

Sommersemester 2017

HS: Robert Musil 

Mo, 14-16 Uhr

„Nicht von Göthe, Hebbel, Hölderlin werden wir lernen, sondern von Mach, Lorentz, Einstein, Minkowski, von Couturat, Russel, Peano…. Und im Programm dieser Kunst das Programm eines einzelnen Kunstwerks kann dies sein: Mathematischen Wagemut, Seelen in Elemente auflösen, unbeschränkte Permutationen dieser Elemente, alles hängt dort mit allem zusammen und läßt sich daraus aufbauen.“ So lautet das ästhetische Bekenntnis von Robert Musil, das auf den ersten Blick nicht mehr leicht zu verstehen ist. Musils komplizierte Prosa, die von einer genauen Kenntnis der Kontexte und lebt und nur durch exakte Analyse der ästhetischen Strategien zu verstehen ist, soll genau gelesen und ausführlich diskutiert werden.

Eine sorgfältige Lektüre der Prosatexte Musils und eine umfassende Erarbeitung des historischen, ästhetischen und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexts sollen das außergewöhnliche Werk erschließen und seine Bedeutung für die Ästhetik der klassischen Moderne deutlich machen. 

 

OS: Niemandsländer in der Literatur

Di, 10-12 Uhr

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen ‚Dies gehört mir‘ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Jean-Jacques Rousseau, Discours). Für viele ist das nur ein Statement gegen Eigentum wenige fragten nach dem Status, den das Land vor der Einzäunung hatte: Hat es niemandem gehört? Diese Fragen sind oft weniger leicht zu beantworten, als es den Anschein hat. Meist handelt es sich bei der Beantwortung dieser Frage eher um eine ideologische oder politische Entscheidung als um eine Tatsache: So wurde im 11. Jahrhundert festgelegt, dass das Heilige Land „terra nullius“ sei, um eine Okkupation durch die Kreuzritter zu rechtfertigen – und ähnlich haben dies die Kolonialherren für die Prärien Nordamerikas oder die Steppen Afrikas seit dem 18. Jahrhundert ebenfalls entschieden. Land galt als herrenlos, wenn es unbewirtschaftet und unbebaut war oder auch nur schien. Die Debatte über die „terra nullius“ wurde so zu einer vollkommen unterschätzten und doch zentralen Grundfrage kolonialen und vor allem auch postkolonialen Rechts; sie beschäftigt bis heute viele Staaten – etwa Australien und Chile.

Sie ist seit dem 18. Jahrhundert ein Thema rechtsphilosophischer Debatten von Locke und Kant bis Marx und Arendt. Ungepflegter Besitz – also nicht wilde, sondern verwilderte Räume – spielt aber auch in der europäischen Literatur –  oft als so genannte „terrains vagues“ – eine bedeutende Rolle: Die Niemandsländer werden zu Räumen der Freiheit, der Kreativität, zu utopischen Gegenden umgedeutet, gelten aber auch als Orte des Unrechts, der symptomatischen Verwahrlosung und der Gefahr. Von Christoph Martin Wieland über Jean Jaques Rousseau, Gottfried Keller, Adalbert Stifter, Franz Kafka, T.S. Eliot, Jack Kerouac bis Brigitte Kronauer und Wolfgang Koeppen gibt es zahllose „Niemandsländer“. Zudem finden sich in der Kulturtheorie der klassischen Moderne verschiedene komplexe Auseinandersetzungen mit einem Konzept von „sozialen“ Niemandsländern: Bei Georg Simmel, E. Park, Jurij Lotman u.a. werden Niemandsländer als Orte der Verständigung interpretiert. Diese Thesen und ihre literarische Inszenierung macht das Konzept hochaktuell. 

 

HS: Literatur und Ethnologie: Körperkonzepte im Vergleich

Di, 14-16 Uhr

Eine der ältesten Fragen der Theoriegeschichte dürfte die nach dem Verhältnis von Körper und Geist sein. Seit der griechischen Antike, dann im christlichen Mittelalter, im Rationalismus, in der Aufklärung und vermehrt im 20. Jahrhundert ist immer wieder diskutiert worden, ob man sich ein dualistisches Modell von Körper/Geist, Leib/Seele, body/soul oder Psyche und Soma vorstellen oder eben monistische, ganzheitliche Konzepte bevorzugen sollte. Die moderne Anthropologie, die Ethnologie und seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch die cultural studies haben sich dem Vergleich, der Kritik und der Neuformulierung dieser Modelle mit besonderem Interesse und mit Blick auf andere als europäische Konzepte gewidmet.

Die französische Ethnologie lieferte bereits Anfang des 20.Jh.  Beiträge zur Symbolik des Körpers (Hubert) und zu Körpertechniken (Mauss). Daraus erwuchsen verschiedene Ansätze, die sich mit dem Körper als Symbol von Gesellschaft befassten (Douglas), als auch mit dem Umgang mit dem Körper, v.a. dem weiblichen Körper (Martin). Eine anderer Ansatz fragt nach der Inkorporierung von Wissen und Praxis, bzw. untersucht die Rolle des Körpers in der Aneignung und Performanz kultureller Praktiken und Ideologien (Csordas). 

Versteht man zudem Literatur als Form kultureller Selbstverständigung, so kann man auch den Beitrag, den literarische Texte zu dieser Debatte beisteuern als einen kritischen bzw. innovativen lesen und interpretieren. Dabei beziehen sich literarische Texte nicht auf allgemeine Modelle, sondern sie liefern die konkreten Einzelfälle und das jeweils spezifische Narrativ.

 

 

 

Wintersemester 16/17

HS/HLW Rassismustheorien

Mo, 14-16 Uhr

Die Auseinandersetzung mit Rassismus, seine Kritik und seine Bekämpfung mögen auf den ersten Blick schnell konsensfähig sein – da sind sich die Anti-Rassisten immer einig. Sie stellt allerdings eine Herausforderung dar, die man erst auf den zweiten Blick als eine besondere erkennt. „Rassismus” ist kein einfacher Gegner. Gerade weil die „Rasse” des Rassismus kein Korrelat in der Wirklichkeit hat, sind die Metamorphosen des Rassismus so erfolgreich, so gut an die jeweiligen Realitäten anpassbar, seine Wandlungsfähigkeit ebenso erschreckend wie überraschend.

Es finden sich viele herausragende Wissenschaftler_Innen unter denjenigen, die versucht haben, Rassismus zu definieren, zu verstehen, zu analysieren und zu bekämpfen. Die Texte entstammen unterschiedlichen methodischen, theoretischen, kulturellen und historischen Kontexten. Es ist keiner dabei, der alle Aspekte erfasst und kaum einer, der alle Fragen befriedigend beantworten würde. Daher ist ihre Zusammenstellung selbst zugleich eine Dokumentation der intellektuellen Bemühungen wie auch eine von deren Mängeln und Desideraten.

 

 

HS/HLW Höhlen, Abgründe: Die "Tiefe" als metaphorischer und realer Raum in der Literatur im 19. und 20. Jahrhundert

Di, 10-12

Die Tiefe zählt zweifellos zu den ältesten und wichtigsten Metaphern der Kulturgeschichte, nicht zuletzt aufgrund ihrer engen Bindung an Konzepte von Wahrheit und Erkenntnis, Ursprung und Seele, Substanz und Grund, Subjektivität und Echtheit. Diesen positiven Konnotationen stehen nicht minder zahlreiche negative Aufladungen gegenüber, in denen die Tiefe – die ikonographische Tradition von Hades und Hölle fortführend – als Projektionsraum für das Dunkle, Irrationale und Bedrohliche, für unkontrollierbare Kräfte dient, deren Imagination sich nicht selten mit Wertungen des sozialen Raums vermengt. Diese divergierenden Besetzungen bestimmen die Tiefe zu einer hoch ambivalenten Figur, in der Sehnsüchte nach einem Sicherheit und Identität verbürgenden Grund oder Schutzraum auf Ängste vor verschiedenen Spielarten des Abgrunds treffen.

Die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung zu Semantiken und Topologien der Tiefe diskutierte in den letzten Jahren insbesondere die Implikationen und Folgen des epistemischen Umbruchs um 1800: die Erfindung des modernen Subjekts und seiner Wissenschaften (Anthropologie usw.), des hermeneutischen Blicks, einer neuen Logik der Tiefenferne, einer romantischen Tiefensubjektivität (Höhlen, Bergwerke) sowie einer mit dem anthropozentrischen Modell der jungen Humanwissenschaften in Spannung stehenden geologischen Tiefenzeit.

 

 

VL Kulturtheorien des 20. Jahrhunderts

Di, 14-16 Uhr

In der Vorlesung geht es um die Bestimmung dessen, was Kultur ist, wie sie entsteht, sich wandelt, sich von anderen Kulturen abgrenzt, das Verhältnis von Natur und Kultur, zur grundsätzlichen Frage nicht nur der Kulturwissenschaften, sondern auch der Gesellschafts- und vor allem der so genannten Geisteswissenschaften. Seit dem cultural turn in den 1980er Jahren sind Kulturtheorien nicht nur für jene Disziplinen von eminenter Bedeutung, die sich von jeher mit dem Komplex „Kultur“ befassen (Ethnologie, Anthropologie, Völkerkunde, Soziologie etc.), sondern überhaupt für all jene Fächer, die an diesem cultural turn teilhatten, wie die Literatur-, Medien-, Kunst- oder auch Geschichtswissenschaften.

Kulturtheorien reflektieren, darin sind sich alle Definitionen einig, die Beziehung zwischen Kultur und Gesellschaft. Zudem gehen sie davon aus, dass die Welt aufgrund symbolischer Ordnungen „sinnhaft produziert“ wird. Diese sinnhafte Produktion funktioniert häufig auf Grundlage dichotomer Konzepte, wie ‚Natur‘ und ‚Kultur‘, ‚heilig‘ und ‚profan‘, ‚eigen‘ und ‚fremd‘.

 

 

Sommersemester 2016

Im Sommersemester 2016 hat Frau Prof. Dr. Kimmich ein Forschungsfreisemester.

 

 

 

Wintersemester 2015/2016

HS/HLW Literatur der "Neuen Sachlichkeit"

Dienstag, 10-12

Die so genannte „Neue Sachlichkeit“ ist eher ein Schlagwort als ein brauchbarer literarturhistorischer Epochenbegriff. Aus der Bildenden Kunst übernommen, soll er einen bestimmten Typ radikal realistischer Romane und Erzählungen charakterisieren, die durch ihren dokumentarischen Charakter und ihr explizit unpsychologisches Erzählen auffallen. Neusachliche Texte widmen sich dem Alltag in kleinbürgerlichen und unterbürgerlichen Milieus und reflektieren dabei Herausforderungen der Moderne, beschäftigen sich mit den Traumata des 1. Weltkriegs, mit veränderten Geschlechterrollen, mit Inflation, Wirtschaftskrise, Korruption, Radikalismus, Nationalismus und Antisemitismus.

Lektüre u.a.: Erich Kästner, Fabian (1931); Irmgard Keun, Gilgi (1931) und Das kunstseidene Mädchen (1932); A. Döblin, Berlin Alexanderplatz (1929); Joseph Roth, Flucht ohne Ende (1927), Siegfried Kracauer, Ginster (1928).

 

 

HS/HLW Frühen Medientheorien der 10er und 20er Jahre des 20. Jahrhunderts

Montag, 14-16 Uhr

Mediengeschichte ist kein isoliertes Phänomen. Die Erfindung von Fotographie und Film, ihre massenhafte Verbreitung bzw. Durchsetzung im großstädtischen Raum in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hat nicht nur das Freizeitverhalten der Großstädter verändert, diente nicht nur der offiziellen oder auch privaten Verbreitung von Information und der Dokumentation von – privaten, historischen und wissenschaftlichen – Ereignissen, sondern veränderte auch die Kunst und die Literatur. Film und Fotographie stellten eine kaum zu überschätzende Herausforderung für die moderne Ästhetik dar. Die Debatten um „Film als Kunst“, die Erörterung der ästhetischen und anthropologischen, der politischen und weltanschaulichen Konsequenzen sind bis heute nicht zu einem Ende gekommen. Die frühen Medientheorien markieren damit nicht nur den Beginn einer langen Debatte, sondern charakterisieren auch in spezifischer Weise den Beginn der europäischen Moderne.

Béla Balázs, Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films (1924) (Auszüge sowie die Kritiken von Erich Kästner und Robert Musil); Walter Benjamin, Medienästhetische Schriften: daraus u.a. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936);
Rudolf Arnheim, Film als Kunst, Frankfurt a. M. 2002; Geschichte der Filmtheorie. Kunsttheoretische Texte von Méliès bis Arnheim, hg. Von Helmut H. Diederichs, Frankfurt 2004; Bildwissenschaft und Visual Culture, hg. Von Marius Rimmele, Klaus Sachs-Hombach, Bernd Stiegler. Bielefeld 2014.

 

 

VL Klassiker der Literaturtheorie

Dienstag, 14-16 Uhr

Diese Vorlesung bietet eine intensive Beschäftigung mit den wichtigsten Texten der Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts an. Dabei werden die historischen und systematischen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Theoriemodellen berücksichtigt. Beginnend mit der philosophischen Hermeneutik (Gadamer) werden Rezeptionstheorien (Jauß), psychoanalytische (Freud und Lacan) Ansätze und systemtheoretische Konzepte (Luhmann) diskutiert.

Einen anderen Komplex stellen strukturalistische, semiotische und poststrukturalistische Theoreme dar (Jakobson, Barthes, Derrida).

Historisch orientierte Diskurstheorien (Foucault, Gendertheorien, cultural studies etc.) sowie Medientheorien bilden den Abschluss und zugleich den Anschluss an aktuelle Debatten über Definition und Selbstverständnis der Philologien im Rahmen der kulturwissenschaftlichen Entwicklungen – etwa der postcolonial studies, des so genannten spatial turn etc. – der vergangenen Jahre.

Textgrundlage: Dorothee Kimmich/Rolf Günther Renner/Bernd Stiegler (Hg.): Literaturtheorien der Gegenwart, Stuttgart (Reclam) 2002; Dorothee Kimmich/ Thomas Hauschild/ Schamma Schahadat (Hg.): Kulturtheorie. Bielefeld (transcript) 2010;     Dorothee Kimmich/ Schamma Schahadat (Hg.): Kulturen in Bewegung. Beiträge zur Theorie und Praxis der Transkulturalität. Bielefeld (transcript) 2012

 

 

 

Sommersemester 2015

HS/HLW

Soziologie und Literatur in der Klassischen Moderne

Dienstag, 10-12 Uhr in R 315

 

Soziologische Theorien der klassischen Moderne spielen für Kulturwissenschaften heute eine zentrale Rolle. Aber auch die zeitgenössischen Debatten über die Frage, was die Moderne ist, sein sollte und werden wird, sind von den Klassikern der Soziologie nicht nur angeregt, sondern nachhaltig geprägt worden. Dabei werden sehr verschiedene Aspekte verhandelt: ökonomische Fragen, Fragen der moralischen und ethischen Orientierung, die Zusammensetzung von Gesellschaften, das Leben in der Großstadt, Fragen der Integration und Desintegration von Fremden, die Rolle von Familie und Klassenzugehörigkeit, Mode und Wohnen, Sport und Freizeit.   

 

Im Seminar werden u. a. Max Weber, Die Protestantische Ethik und der "Geist" des Kapitalismus (1904/05); Siegfried Kracauer, Die Angestellten (1930); Georg Simmel, Soziologie des Raums (1903) (Auszüge); ders., Die Großstädte und das Geistesleben (1903); Gabriel Tarde, Die Gesetze der Nachahmung (1896) (Auszüge) und von Helmuth Plessner Grenzen der Gemeinschaft (1924) behandelt.    

 

 

 

Vorlesung

Realismus

Dienstag, 14-16 Uhr in Hörsaal 036

 

Wir gehen in der Vorlesung der Frage nach, was es bedeutet, wenn Literatur Mitte des 19. Jahrhunderts statt auf "ideale Schönheit" auf eine Abbildung des Vorhandenen setzt und den zeitgenössischen Alltag zum Vorbild der literarischen Narrative wählt. Dies hat weitreichende Konsequenzen, die nicht nur den Stil und die Thematik von literarischen Texten betreffen, sondern das Grundgerüst ästhetischer Überzeugungen ins Wanken bringen. Zum einen gilt es daher, die historischen, politischen, philosophischen Voraussetzungen des Realismus zu betrachten und dann zum anderen in den Blick zu nehmen, auf welche Konzepte und Modelle von "Wirklichkeit" sich der Realismus bezieht.

Da der Realismus darauf besteht, Realität wiederzugeben, sich also auf das Wirkliche, das Vorhandene, Sichtbare, Greifbare und Hörbare zu beziehen, zugleich aber im Kunstwerk einen ästhetischen "Mehrwert" erzeugen muss, betont er - überraschenderweise - mehr als jede andere Kunstphilosophie die mediale Qualität von Kunst.

Es wird um Themenfelder gehen wie: "Natur" und "Kultur" im Realismus; Materialismus und Religionskritik; Ehe und Ehebruch; Wissen und Literatur; Geschichte und Politik; Mediengeschichte der Literatur.

 

Primärliteratur u.a.: Gottfried Keller, Der grüne Heinrich (1854/55) und Die Leute von Seldwyla (1856); Adalbert Stifter, Bunte Steine (1853); Theodor Storm, Der Schimmelreiter (1888); Wilhelm Raabe, Die Chronik der Sperlingsgasse (1856) und Pfisters Mühle (1884);  Theodor Fontane, Irrungen Wirrungen (1888) und Effi Briest (1896); Emile Zola, Germinal (1885); Gustave Flaubert, Education Sentimentale (1869).

 

 

 

 

 

Liebe Studierende, 

künftig finden Sie die Lernmaterialien zu den Seminaren von Frau Prof. Dr. Kimmich auf der Lernplattform Ilias.

Die elektronischen Seminarapparate ESEM werden zum Juni 2011 aufgelöst.

Bei Problemen und Fragen wenden Sie sich bitte an Sara Bangert.